November 2023
Bild des Monats
Gerhard Elsner: Stadtstrukturen 1968

Willkommen in Kimmerien

1968 lebt Gerhard Elsner in Frankfurt. Es ist Wirtschaftswunderzeit, in der Stadt recken die Kräne ihre langen Hälse in den Himmel und ziehen Häuserblock um Häuserblock hoch. Noch vor der Pop Art haben die deutschen Stadtbauämter, aus dem wirtschaftlichen Zwang geboren, die serielle Verfertigung von Kunst erfunden, zu der auch die Architektur gehört hatte. Die Gebäude werden auf ihre elementare Struktur reduziert, Kubus, Quader, Linien horizontal und vertikal, durch rechte Winkel verbunden, und die Fassaden haben ihr Gesicht verloren. Konseqwent wandelt Elsner die Stadtansicht zum Stadtstrukturbild um. Er legt das Knochengerüst der Bauten frei, die Quadratur des Hauses als Formprinzip. Und vor den Häusern schweben abstrakte Strukturen, schwarze, parallel verlaufende waagerechte Linien, die an Jalousien oder Rollgitter erinnern, die heruntergelassen werden, damit sich der Massenmensch in seinem Reihenbau von den Nachbarn vereinzeln kann. Das Häusermeer wird eingehüllt von einem hauchzarten Schleier aus Weiß, teils von glimmenden Lichtern rötlich erhellt.
Gerhard Elsner, der eine Zeitlang Theologe werden wollte, hat in sein Künstlerleben ein Faible für Transzendenz und Mythologie hinübergerettet. Seine Städte sind moderne Großstädte und gleichzeitig uralte Städte, deren Wurzeln bis in die Frühgeschichte und die Sage hineinreichen. So überblendet er über die Banken- und Wirtschaftsmetropole eine Stadt der homerischen Kimmerer. In der Odyssee sucht Odysseus dieses sagenhafte Volk im Norden auf, weil nahe ihrer Stadt der Eingang zum Hades liegen soll - der wißbegierige Odysseus will die Unterwelt betreten. Steter Nebel wallt über der Stadt, durch den nur Dämmerlicht gefiltert wird, weil der Sonnengott diesen Rand der Welt nicht bescheint. Gleichzeitig gelten die Kimmerer als gewerbefleißige und industriekundige Menschen, dank der Verarbeitung der unterirdisch gewonnenen Metalle im Wohlstand lebend. Viele der Stadtbilder Elsners, auch der späteren Jahre, leben von dieser Doppelbödigkeit, der archetpyisch verankerten Verbindung von chthonischer Tiefe und Reichtum Elsner erkennt sie in der deutschen Wirklichkeit: Der wirtschaftliche Boom ermöglicht so vielen Menschen wie nie zuvor ein Leben im Wohlstand und damit persönlicher Würde ermöglicht, bezahlt wird mit dem Verlust von Schönheit, sei es in der Landschaft, sei es in der Architektur und dem Städtebau. Noch ein Jahrzehnt später war für ihn diese Erkenntnis gültig: am Bodensee lebend, überarbeitete er das Gemälde, die Datierung 1968/1978 bestätigt die jahrelange Auseinandersetzung mit dem Thema des Menschen, seiner Umwelt und der wechselseitigen Prägung.
Gerhard Elsner moderne Kunst Malerei Gerhard Elsner: Stadtstrukturen, 1968/78
Öl auf Leinwand, 115 x 95 cm
rechts unten signiert und datiert
 
 

Juni 2023
Ausstellungstipp
Heiko Pippig: Werke im Hegau-Tower Singen

Großstadt findet auch außerhalb der Metropole statt: Der us-amerikanisch-deutsche Star-Architekt Helmut Jahn hat 2009 die Stadt Singen am Hohentwiel um ein mit rasanter Gebärde in die Höhe strebendes Hochhaus bereichert, in dessen facettenreicher Glas-Stahl-Fassade sich das Panorama der Stadt und der Umgebung wie in einem Zauberspiegel in blitzende vervielfältigt. Jetzt wird die architektonische Glasskulptur auch im Inneren zum Kunst-Ort. Die Ausstellung "Aller guten Dinge sind DREI" zeigt seit Juni 2023 großformatige Gemälde von Heiko Pippig. In diesen Werken der 1990er und frühen 2000er Jahre setzt sich der Künstler mit "Körper-Bildern" auseinander, den Bildern, die Eigenwahrnemung und Fremdwahrnehmung auf den Körper projizieren und ihn damit überlagern. Der Besucher wird bemerken, dass schon in den vor der Jahrtausendwende entstandenen Gemälden Pippig sich mit dem Thema der personlaen Identität und der immer neu zu auszuhandelnden Identitätsstiftung durch die Leiblichkeit auseinandergesetzt hat. Aus dem Kontrast zwischen der spiegelnden Perfektion der unbelebten architektonischen Fassade und der Imperfektion der lebendigen, atmenden Materie, aus himmelsstürmender Vertikale und Gebundensein in den Fesseln von Schwerkraft, schlägt die Ausstellung zusätzlichen Reflektions-Gewinn. Wen sein Weg in die Nähe des Bodensees führt, sollte sich diese Schau nicht entgehen lassen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 9. September 2023. Wer sich einen ersten Einblick in die "Körperbilder" des Heiko Pippigs verschaffen will, findet hier einen Katalog mit ausgewählten Gemälden.
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Heiko Pippig: "Bedächtig" und "Aufwärts", Acryl auf Leinwand, je 145 x 165 cm, aktuell zu sehen in der Ausstellung im Hegau-Tower in Singen.

Moderne Malerei
 
Februar 2023
Bild des Monats
Ernst Fuchs: Moses-Brunnen

Mann des Wassers, Mann Gottes

Hitze flimmert über der Wüste, Staub und Sand erfüllen die Luft, und dörren die Tausenden von Männern, Frauen und Kindern des Volkes Israels aus, die seit wie es ihnen scheint unvordenklichen Zeiten durch die Wüste ziehen. Die Stimmung ist am Kippen, schon sprechen die ersten davon, nach Ägypten zurückzukehren und sich erneut Sklaven-Fesseln anlegen zu lassen.In diesem Kipp-Moment tritt Moses vor, schlägt mit dem Stab gegen den harten Felsen und eine Quelle beginnt zu springen, an der sich alle Dürstenden laben können. Ein Wunder ist geschehen, das Moses als den Mann Gottes bekräftigt, der in dessen Gnade steht; es ist aber auch ein Zeichen, mit dem Gott die Verlorenen in seine Hut nimmt und ihnen neues Leben spendet. So hat man es auch später gesehen: Wasser ist die Bekräftigung des Bundes Gottes mit dem Menschen in der Taufe. Jesus ist das Wasser des Lebens, dank dessen die Verlorenheit in der Wüste der Todesgewissheit überwunden und neues Leben geschenkt wird.
Moses gehört für Ernst Fuchs in die Reihe der großen archetypischen Gestalten der Heiligen und Verwandler, die an den Scharnierstellen der Menschheitsentwicklung stehen und durch ihr Wirken nicht nur in ihrer Zeit Veränderung bewirken, sondern auch dank der Symbolkraft ihres Handelns Vorbild sind, deren Tun Aufforderung ist, stets aufs Neue aktualisiert zu werden. Moses ist der Mann, der an das Fundament der Existenz rührt. Seine Erscheinung ist von den Gegensätzen der Elemente geprägt. Als Mann des Feuers erscheint ihm Gott im brennenden Dornbusch, als Wasser-Mann ruft er in lebensfeindlicher Umgebung das lebensspendende Element herbei. Für Ernst Fuchs hatte der Quell, der dem Stab des Moses entspringt, auch eine intime, mit seiner Biographie verwobene Bedeutung. Als Kind versprach er seiner Mutter, ihr die Wiener Villa, an der sie regelmäßig vorbeigingen, zu kaufen, wenn er groß sei. Die Kindheits-Phantasie wurde Jahrzehnte später Wirklichkeit: Der zu Ruhm und Ansehen gelangte Künstler erwarb die Otto-Wagner-Villa in Wien-Penzing und gestaltete sie behutsam zu seinem Domizil und Künstlerhaus um. Hier schwimmt also jemand den Lauf seines Lebensstroms zurück, um kurz vor der Quelle haltzumachen und zu verwirklichen, was damals nur Lebenstraum war, und als unterirdischer Gedankenfluss ihn sein Leben lang begleitet hat.
Die Villa wird von einem am Hang angelegten Garten umgeben, an dem eine Quelle entspringt. Ernst Fuchs schuf für diesen Wasser-Ort ein sogenanntes "Nymphäum", ein Quell-Heiligtum mit angedeuteter offener Architektur. Als Wächter des Heiligtums wählte er den Mann Moses aus. Bereits in dem Jahrfünft von 1965 bis 1970 hatte er sich mit dem Thema beschäftigt. Ergebnis war eine lebensgroße Bronze-Skulptur. Jetzt wird diese Monumental-Skulptur in die Gartenanlage mit Quellfassung integriert. Moses wacht über das ans Tageslicht tretende Wasser des Lebens. Die Verbindung paganer Naturfrömmigkeit mit jüdisch-christlicher Offenbarungsreligion entsprach dem in großen Linien sich vollziehenden synkretistischen Denken Fuchs'. So erhält sein Moses als Wächter der strömenden, sich ewig erneuernden Kräfte des Lebens auch Züge eines Naturgeistes und birgt in seinen Falten weibliche Figuren, die an Korngottheiten oder Verkörperungen des sprießenden Lebens zu deuten sind. Eine zweite Statue - Ernst Fuchs ließ die Figur insgesamt sechsmal bei seiner Wiener Kunstgießerei Strassacker gießen - war für längere Zeit Bestandteil des Interieurs des Esszimmers in der Wagner-Villa. Zwei weitere Moses-Figuren fanden ihre Aufstellung - der Intention ihres Schöpfers gemäß - in öffentlichen Brunnenanlagen in Österreich.
Bei der hier vorgestellten Statue handelt es sich um das mit 6 nummerierte Exemplar (aus einer Gesamtauflage von 6). Es wurde von Privat beim Künstler in seinem Wiener Atelier erworben.
Österreichische Kunst<‚a>
Ernst Fuchs: Moses-Brunnen, Bronze, braun patiniert
Höhe: 185 cm
Gießerei: Kunstgießerei Strassacker, Wien
Edition: Nr. 6 von 6
Provenienz: Aus dem Ernst-Fuchs-Nachlass
Ausstellungen: - 2017 Hoffnungs(t)raum Phantastisch. Eine Reise durch die phantastische Kunst, Kunsthalle Leoben
- 2017-2022 Blauer Salon des Ernst-Fuchs-Museums Wien
Weitere Informationen zu der Skulptur "Moses-Brunnen" erhalten Sie durch einen Klick auf das Bild.
 

Januar 2023
Bild des Monats
Felix Samuel Pfefferkorn: Potatoland German Tank

Das Land der kriegerischen Erdäpfel

Potatoland, Kartoffelland, ist Pfefferkorns Codewort für Deutschland, in den 1970er Jahren noch in der bundesrepublikanischen Form. Die Kartoffel war für ihn ein Synonym für den deutschen Michel: bodenständig, asnpruchslos in der Pflege, robust in der Lagerung, nährend und mit ihrer knolligen Form jedes Schönheitsideal weit verfehlend. Die deutschen Tugenden und Laster kreisen um einen Wert des Mittelmasses. Die Kartoffel hat im Lauf der Jahrhunderte in den Ländern, in denen sie angebaut wurde, vielleicht so viele Menschen vor dem Hungertod und Mangelernährung bewahrt, wie deren Landesvater an Soldatenmaterial in den Schlachten zu seinem höheren Ruhm verheizt hat. Die bescheidene Erdfrucht, die ihr Haupt nie über den Boden erhebt, kann also zu Recht als Friedenssymbol neben die Taube gestellt werden. Die Ironie der deutschen Geschichte will es, dass ihr Name ausgerechnet mit dem kriegerischsten Staat deutscher Zunge verbunden ist. In Preußen hat sie ihr erstes Heimatland im deutschsprachigen Raum gefunden, die Förderung ihres Anbaus durch den Alten Fritz ist, mit zahlreichen Anekdoten begleitet, in den Mythenschatz der deutschen Geschichte eingegangen. Kartoffel-Äcker im Oder-Neiße-Bruch und der Überfall auf Schlesien - Friedrich II. vereint den nährenden Landesvater und den Aggressor in einer Gestalt. So wird der Kartoffel ein Janus-Gesicht auf ihre knubbelige Gestalt aufgeprägt: friedvoll und aggressiv zugleich, wie der Deutsche Michel, der mit der Schlafmütze auf dem Kopf plötzlich zum grenzenstürmenden Berserker wird.
Unter den Titel "Potato-Land" stellte Pfefferkorn eine Reihe von Gemälden aus den Jahren 1976 bis 1978, in denen er sich mit deutscher Gegenwart und jüngster Geschichte auseinandersetzte. Wie nur wenige Künstler der Siebziger Jahre, es sei an Jörg Immendorff und Bernd Schwarzer erinnert, machte Pfefferkorn die problembehaftete neueste Geschichte Deutschlands und ihre Ausstrahlung in die Gegenwart zu seinem Thema. In die Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold gekleidet, untersucht er anhand von griffigen Dingsymbolen die deutsche Mentalität und die Verpflichtung Deutschlands gegenüber der Welt.
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Felix Samuel Pfefferkorn: Potatoland German Tank,1976
Acrylgemälde auf Hartfaser, 80 x 70 cm
rechts unten monogrammiert, verso signiert, datiert und betitelt
Werkverzeichnis: VI‚-34
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